Existenzgründung oder Zeitarbeit?
Neues vom Existenzgründer Blog
In meinen Sprechstunden jeden Dienstag habe ich immer häufiger Facharbeiter in der Beratung, die ihre gute Anstellung verloren haben – und denen womöglich sogar angeboten wurde, gleich wieder beim selben Betrieb anzufangen – jedoch über einen “Personaldienstleister”, eben eine Zeitarbeitsfirma. Das ist eine deprimierende und beängstigende Entwicklung.
Natürlich kann Zeitarbeit sinnvoll sein, als Einführungsphase, wenn beide Parteien erst einmal prüfen wollen, ob sie zueinander passen, für Personalnotstände in Spitzenzeiten, als Einstieg für junge Fachkräfte, die daran interessiert sind, möglichst viele Betätigungsfelder kennen zu lernen.
Doch in Deutschland ist Zeitarbeit zu einem dermaßen übermächtigen Faktor geworden, dass dringend Handlungsbedarf besteht: fast 70 Prozent aller neu geschaffenen Stellen entstehen in der Zeitarbeit! Die Fluktuation ist so hoch, dass die meisten Jobs nur höchstens sechs Monate lang vom selben Mitarbeiter ausgeführt werden – und die Löhne liegen meist bei 7 Euro bis 7,60 Euro, da die allermeisten Zeitarbeitsstellen im so genannten Niedriglohnsektor entstehen.
Selbst langbewährte, gut ausgebildete Industrie-Facharbeiter erhalten nur um die 10 Euro Stundensatz, das ist keine Basis, um eine Familie gründen zu können – ganz abgesehen davon, dass es sich nie um gesicherte Arbeitsplätze handelt, auf die man ein Leben aufbauen könnte!
Als Wolfgang Clement (der jetzt übrigens im Aufsichtsrat einer großen Zeitarbeitsfirma sitzt) durchgesetzt hat, dass Zeitarbeitsfirmen unbefristet lange ihre Leiharbeiter beschäftigen dürfen, war klar, wohin die Reise geht. Man muss bedenken, dass Unternehmen nicht auf diese Dienstleister zurückgreifen, da sie bei den Stundenlöhnen sparen! Nein, die strikten Kündigungsbestimmungen und die damit verbundenen Zwänge bis hin zu langwierigen gerichtlichen Auseinandersetzungen lassen gerade Konzerne lieber darauf zurückgreifen, kurzfristige Modelle der Arbeitskraftverwertung zu nutzen, da die Folgekosten preiswert und überschaubar bleiben.
Und so kehrt sich ein gut gemeintes, schwer erkämpftes Recht um: die Arbeitsplatzbesitzer sind selten wirksam geschützt, leben in ständiger Angst und werden womöglich doch entlassen – und die, die in den Arbeitsmarkt zurück wollen, werden immer häufiger in diese Auffanggesellschaften geschoben.
Bei einer Umfrage, welche Europäer am wenigsten Angst vor Arbeitsplatzverlust haben, gewannen die Dänen. In dem Land, das völlig unbekümmert mit “Hire and Fire” umgeht, vertrauen die Menschen darauf, dass sie, wenn sie einen Arbeitsplatz verlieren, schon ganz schnell wieder eine neue Anstellung finden werden.
Ich denke, unser “altes” Kündigungsschutzgesetz passt einfach nicht mehr in eine Welt, in der sich alles schnell ändert, und niemand auch nur zehn Jahre im Voraus planen kann – und in der die Menschen beruflich flexibel sein müssen und sich ständig fortbilden und weiterentwicklen – nicht nur am Fahrscheinautomat…
Vor allem Langzeitarbeitslose sind bei der Vermittlung in den ersten Arbeitsmarkt (zu dem übrigens auch alle 400 Euro-Jobs gehören!) sehr schnell an Personaldienstleister vermittelt, die häufig sehr gut und intensiv mit den ARGE’s zusammenarbeiten.
Mein Tipp: früh genug an Alternativen denken! Wer nichts tut, hat schon verloren. Und so lange der Anspruch auf ALG I (mit 90 Tagen Restanspruch) besteht, ist noch alles möglich, danach ist man schnell ein Rädchen im Getriebe wild gewordener ausufernder Strukturen – mit einer rasant wachsenden Unterschicht – einfach ein Wahnsinn











Fr, Nov 23, 2007
Allgemein, Existenzgründer