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Der Homo Oeconomicus und sein Wandel im Laufe der Zeit

Tja, nun gibt es ihn schon ganz schön lange, den Homo Oeconomicus. Erfunden wurde er auf englisch im Jahr 1888. Und im Geiste des aufstrebenden Kapitalismus (weiter, immer weiter, Wachstum und Fortschritt, immer mehr, und ohne Ende will ja der Kapitalismus) hat er sich ja wohl auch durchgesetzt gegen die anderen Menschenbilder: z.B. den Zoon Politicon von Aristoteles (der in Gemeinschaft leben will und ein soziales Wesen ist), den Homo Rationale (der sich selbst immer wieder neu erschaffen kann, weil er denkt) und den Homo Faber (der sich vom Tier vor allem dadurch unterscheidet, dass er so fleißig arbeitet). Der Homo Oeconomicus ist der Sieger, weil er ein Egoist und stets auf seinen Vorteil und Nutzen bedacht ist – ist ja dann in sich logisch, soweit. Aber nun bekommt diese Theorie Risse…

Forscher haben in aufwändigen Laborversuchen Erstaunliches festgestellt: der Mensch ist gerne ehrlich! Selbst, wenn er dadurch wirtschaftlich schlechter abschneidet. Allerdings ist es da schon praktisch, wenn man sich ins Gesicht schaut. Am Telefon lügt man leichter und schneller (dafür glaubt man am Telefon auch viel schneller jeden Quatsch) – aber wenn da jemand vor einem steht, und wenn man ihm in die Augen schauen muss…

Naja, außerdem ist der Mensch ebenfalls bereit, wirtschaftliche Nachteile in Kauf zu nehmen, wenn er das Bedürfnis hat, sich zu rächen! Das geht ja gerade bei Deutschen, die so wahnsinnig gerne klagen, bis hin zur rasenden Selbstzerstörung.

Und last, not least, ist das Herz unseres Homo Egistico selten aus Stein (und wenn, ist das pathologisch). Der Mensch will geliebt werden, will Nähe und Wärme, will Gutes tun und Anerkennung. Und dafür nimmt er gerne auch wirtschaftliche Nachteile in Kauf, bis hin zum Tod in reißenden Gewässern, wenn er ein kleines Kind retten will.

Tja, nun sind die Forscher ganz erstaunt (hatte der alte Aristoteles mit seinem geselligen Menschenbild etwa doch recht??) und versuchen, aus diesen ganz nagelneuen Erkenntnissen Profit zu ziehen! Packt den Menschen bei seiner Moral! “Du willst mich doch wohl nicht betrügen?” Gebt seinem Belohnungssystem Futter: “Ich weiß, dass ich mich auf Deine Ehrlichkeit immer verlassen kann” -

und der erste Schritt, der nun den Managern vermittelt wird: Steigt lieber dreimal zu oft ins Flugzeug und schaut Eurem Verhandlungspartner in die Augen – als auf das dumme Telefon hereinzufallen, denn da lügt es sich so widerlich federleicht. Artikel aus der F.A.Z. vom 3. August 2008

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Kommentare zu Der Homo Oeconomicus und sein Wandel im Laufe der Zeit

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Karl Dilly 8. August um 21:31 Uhr


Tja, Frau Ihnenfeldt, da machen Sie ein Fass auf:

Den Homo oeconomicus hat es wohl nie gegeben. Dazu der Wirtschafts-Nobelpreistrager (2002) Vernon Smith: „Den homo oeconomicus habe ich noch nie getroffen.” Ich auch nicht, sehr wohl eine Menge von Wirtschafts-Wissenschaftlern, Betriebswirtschaftlern und Controllern, die uns die Existenz dieses Fabelwesen glauben lassen wollen. Und eine Menge oft sehr schnöselig daher kommender Jung-Wirtschaftler, die kühl wirtschaftlich ökonomisch faktisch das vermeintlich prozesshafte der Börse “analysieren” – und damit regelmäßig herbe aufs Antlitz stürzen. Genau so wie die Bänker, die mal eben einige hundert Milliarden Euro in Goldgräberlaune im Immobiliengeschäft verzocken.

Weil der „homo oeconomicus* gewissermaßen ein Phantom darstellt, ja die aktuelle Ökonomie den
Charakter von Autismus besitzt, schotten sich Wirtschafts-Fachschulen hermetisch gegen Erkenntnisse darüber ab, das es gute Ansätze dafür gibt, menschliches Verhalten und seinen ungeheuer großen Einfluss auf die (wirtschaftlichen) Ergebnisse abbilden zu können. Wenn die Wirtschafts-Fachschulen diese Erkenntnisse zulassen würden, dann würden sie den eigenen Lehrstoff abwerten und die Studenten eher verunsichern.

Es gibt sie allerdings auch, die gegen den Homo oeconomicus protestierenden Wissenschaftler:

„Die moderne Wirtschaftstheorie ist krank;
die Wirtschaftstheorie ist zunehmend ein intellektuelles Spiel geworden, das um seiner selbst willen gespielt wird und nicht nur um irgend welcher praktischen Folgen wegen.“
(aus U. und E.K.Scheuch in „MANAGER IM GRÖSSENWAHN“ rororo 2003).

“Die moderne Betriebswirtschaftslehre ist mehr denn je angewandte Mathematik und kann
den Wesens-Bestandteil des Wirtschaftslebens nicht einschließen: menschliches Verhalten und seine enormen Auswirkungen.

“Mindestens 50% Produktivitätsverlust …
durch Grabenkriege und Selbstoptimierung in 100% aller Unternehmen, egal ob Konzern oder Mittelstand. Die Vorurteile zwischen allen Abteilungen blühen“ (nach Untersuchungen Prof. Peter Schütz / Fachhochschule Hildesheim; 2003).

“Neun von zehn Hochschulabgänger sind nicht auf das vorbereitet, wofür sie später verantwortlich sind – auf den erfolgreichen (menschlichen) Umgang mit MitarbeiterInnen.” (Prof. F. Malik; St. Gallen).

Hoffnung kommt auf. So betrachtet, halte ich “Kopfnoten” in Schulzeugnissen für einen tauglichen Anfang, auf menschliches Verhalten und seine Bedeutung aufmerksam zu machen. Und wer protestiert? Natürlich die, denen die eigene Bildung dafür fehlt, sich damit beschäftigen zu können – einem Großteil der Lehrerschaft. Hier können sie nämlich nicht mehr wie bisher die Leichtigkeit der Messbarkeit anwenden, wie das bisher in der Mathematik und anderen Fächern gelang. Dann sollen sie einfach lernen, anstatt mit Trillerpfeifen auf ihre Unwissenheit aufmerksam zu machen.

So, Frau Ihnenfeldt, dann legen wir mal den Deckel locker auf’s Fass – bis in Bälde.

Beste Grüße
Karl Dilly

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Eva Ihnenfeldt 8. August um 21:51 Uhr


Sie können schreiben!!!! Einfach klasse, hoffentlich lesen das auch viele :idea: