“Ende einer Dienstfahrt” – Das Programm der Tczew-Reise:
“Frauen begegnen Frauen”
So, den Abschluss der Dokumentation meiner Dienstreise soll nun das Programm sein, dass uns Ulrike Hemmermann aus Witten in Zusammenarbeit mir Ala (bitte Ala – sende mir doch mal Deinen Nachnamen..) geboten haben: völlig den Wünschen der drei Frauen aus Witten angepasst: Die Gleichstellungsbeauftragte konnte die politische Situation der polnischen Frauen studieren – die Sozialarbeiterin zwei Heime besichtigen – und ich natürlich selbstänige Frauen kennenlernen! Nächstes Jahr wird es die gleiche Möglichkeit für drei ausgewählte Frauen geben: ob aus Kultur, Beruf, sozialem Engagament heraus: nur bitte früh genug melden – dann sind alle Begegnungswünsche sicher erfüllbar…
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……………………………………………Dienstag war Anreise – und Mittwoch ein grandioser Empfang im Museum von Tczew! Unsere Gastgeberinnen waren selbst überrascht von dem, was der Frauenverband des Kreises organisiert hatte: der große Saal war dicht gefüllt (etwa 100 Menschen waren gekommen – auch Männer!), Presse, Rundfunk und Fernsehen waren da, der Ablauf war professionell organisiert und die Themen: Vergleich der Situationen polnische und deutscher Frauen – sehr gut und informativ vorbereitet: wir erfuhren viel über Frau, Familie und Beruf – Armut von Frauen – Seniorinnen – Existenzgründungsförderung – und Frauen auf dem Land.
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………………………………………………………..die Frauenverbände des Kreises hatten viele regionale Köstlichkeiten mitgebracht: Kuchen und Torten und Wurst und Käse und selbstgebrannten Schnaps (hmmm) – und auérdem wunderschön dekoriert. Ach ja, die polnische Gastfreundschaft…
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……………………………………………………………von links nach rechts: unsere Initiatorin und Organisatorin Ulrike Hemmermann, Chris Starik (ehemalige Sozialarbeiterin beim Jugendamt Witten) und Maria Grote, die bestens vorbereitet die Situation der Frauen in Witten erläuterte
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…………………………………………………………aufgelockert wurde die dreistünige Begegnungs-Veranstaltung mit kulturellen Darbietungen: hier ein Kinderchor aus Tczew, der sogar später noch ein “bayrisches Tänzchen” für uns zum Besten gab…
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…………………………………………………….und auf deutsch wurde von diesem Künstler das schöne alte Lied vorgetragen “Seemann, Deine Heimat ist die Ferne…”
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………………………………………………………am nächsten Tag besuchten wir ein “Altersheim” – und konnten festestellen, dass es so etwas in Polen eigentlich gar nicht gibt! Die Alten bleiben nämlich üblicherweise in der Familie – und so war dieses Heim mit ca 160 Einwohnern ein Zusammenschluss von “Übriggebliebenen” aus ganz Polen, viele mit Behinderungen oder Suchtproblematiken – oder einfach mit einer sehr traurigen Biografie. Wir lernten “arme Poeten” kennen und diesen Komponisten und Organisten, der bis zu seinem Einzug ins Heim völlig verwahrlost leben musste – und nun stolz und glücklich ist, dass es Musik kennen lernen durfte, dass wegen ihm extra eine Orgel angeschafft wurde (privat bezahlt vom Heimleiter
) und dass er nun sogar ein bisschen Geld verdienen kann: als Organist im Nahbarort!
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…………………………………………………………..dann durften wir Mittag essen: genau das, was die Bewohner auch bekommen: Gemüsesuppe, polnischen Blumenkohl mit viel brauner Butter, Frikadellen, Kartoffeln und rote Beete. Nicht vom Großlieferanten! Nein, das Küchenpersonal hat sich mit einer “Ich-AG” um die Verpflegungsaufgabe erfolgreich beworben und so schmeckte alles “Wie bei Muttern”. Im Bild links Ala, dann der Heimleiter (der so wenig verdient, dass man weinen könnte) und Maria Grote
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………………………………………………………………zu Gast im historischen Rathaus – zu Gast bei Hanna Pietrzkiewicz, seit einem Jahr Partnerschaftsstädte-Beauftragte der Stadt Tczew. Sie kommt aus Danzig, erzählte uns die elegante, freundliche Fachfrau für Kultur und Kulturaustausch, genieße aber jetzt das kulturelle Leben in Tczew, da hier in der “kleinstädtischen” Atmosphäre Kultur und Kunst einen ganz anderen Charakter haben: viele kommen, kennen sich, sind engagiert und konstruktiv kreativ. Nun wohnt sie auch in Tczew, und will nie nie wieder zurück in die Großstadt.
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……………………………………………………………………dann kamen wir zu meinen Programmschwerpunkten: wir besichtigten diese Gärtnerei, die von einer Frau gemeinsam mit ihren beiden Kindern bewirtschaftet wird. Elka arbeitet im Sommer so viel, dass sie bis zum Herbst sechs Kilo abnimmt – die sie sich im Winter dann wieder anfuttert. Nun, Ende März, habe ich sie ja kennen gelernt: 49 Jahre alt, sehr hübsch, höchsten Kleidergröße 38 – höchstens!!! Ach, diese Polen sind einfach so fleißig…
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………………………………………………………………………..danach ging es zu Bozenas privater Sprachschule. Sie unterrichtet Deutsch – nein, nicht als Nachhilfe – die Eltern schicken ihre Kinder zum Unterricht, damit sie gutes Deutsch lernen! 70 Prozent der ponischen Kinder machen Abi und studieren! Bozena unterrichtet 45 bis 50 Stunden die Woche (soviel Stimme hätte ich gar nicht), die Eltern zahlen etwa 3,50 Euro pro U.std. Bei ponischen Gehältern um die 400 – 500 Euro monatlich ganz schön viel! Auch die Lebensmittelpreise sind nicht niedriger als bei uns (wir haben eine “Hausfraueninspektion” im Discounter durchgeführt), Waschmittel, Spültabs und Kaffee sind sogar teurer! Doch reich kann Bozena leider trotzdem nicht werden; da Selbständige jeden Cent versteuern müssen und schon allein eine Krankenkassensteuer von über 230 Euro monatlich – unabhängig vom Gewinn – zahlen müssen, bleibt gerade das Nötigste zum Leben – für sich und die beiden Söhne, die im Studium sind
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……………………………………………………………..doch es gibt auch Gewinner und sehr gut Verdienende – und wer sind diese: natürlich die Unternehmer! Wir besuchten Iwona, die gemeinsam mit ihrem Mann ein Möbelgeschäft und ein Bürogebäude bewirtschaften. Alles super renoviert, sehr chic, und maßvoll einträglich. Hier besichtigen wir eine Büroetage mit einem Karthografie-Unternehmen. Ala erzählte später, dass es auch immer mehr wirklich “Reiche” gibt. Nicht etwa die Intelligenz – die schuften für Hungerlöhne – nein, die selbständigen Händler, die Kaufleute, die nach Öffnung der Grenze damit begonnen haben, Zigaretten auf den berühmeten “Polenmärkten” zu verkaufen – die gründen jetzt imoposante Fabriken, erweitern jährlich, haben hunderte von Mitarbeitern und leben für sich in den Wäldern in abgezirkelten Villen-Gemeinschaften.
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…………………………………………………………….noch ein letzter Höhepunkt der Reise: ein Männerheim für psychisch Kranke in Damaschke. Der Leiter des Heims Arec (links im Bild) hat ursprünglich Agrarwissenschaft studiert, arbeitet aber in diesem Heim für psychisch behinderte Männer seit 28 Jahren. Heute leitet er es. Er musste noch erleben, wie unter den Russen die Kranken in Käfigen gehalten wurden und in Bettensäälen mit 70 Betten schliefen! Doch dieser Mann ist ein Kämpfer – er gab nie auf, für seine Schützlinge zu kämpfen. Heute ist die Sportabteilung des Heims sehr bekannt in Polen, die Bewohner räumen bei den Behinderten-Wettkämpfen nur so ab: in Tennis, Tischtennis, Ballsportarten etc. Die Mitarbeiterin links neben Arec erzählte uns, dass vor wenigen Jahren ein junger Mann zu ihnen kam, der nicht mehr zu Hause leben konnte. Er begeisterte sich so für Tennis (hatte nie zuvor Sport kennen lernen können), dass er sich in kürzester Zeit qualifizierte und schon Wochen später zur Behinderten-Olympiade nach China fliegen konnte! Dort gewann er tatsächlich die Bronzemedaille. Und durch einen dummen Zufall waren bei seiner Rückkehr auf dem Flughafen in Danzig ganz viele Polen aus dem ganzen Land da , da auch die polnische Fußball-Nationalmannschaft landen sollte. Als sie an den Transparenten des Heims, das mit vielen Bewohnern zur Begrüßung des Athleten angereist war – erkannten, wer da frisch aus China eintraf, gab es eine Riesenspontanfete – seitdem macht der junge Held noch mehr Sport – tja, so ist alles relativ. Heute kann der Einzug in ein solches Heim für die Betroffenen wie der Eintritt in eine bessere Welt sein. Man bekommt leckeres Essen, lebt in Wohngruppen so autonom wie möglich, wird gefördert, spielt Theater und macht Musik. Endlich vorbei sind die Zeiten, wo man Behinderte und Kranke versteckte und sich ihrer schämte – dank Menschen wie Arec, der noch nicht einmal Angst vor den einflussreichsten Politikern hat – dafür ist er bekannt
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Von: Eva Ihnenfeldt
Datum: 03. April 2008
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