Online-Durchsuchung zweiter Teil
Vor vielen vielen Jahren habe ich als Jugendliche Orwells “1984″ gelesen. Die Aussicht, dass eine Obrigkeit eine dermaßen unbeschränkte Macht ausübt, so unentrinnbar und umfassend, und die psychologischen Prozesse, die dieses “Big Brother is watching you” auslöst (wirklich ein phantastisches Buch, finde ich), haben mich und meine Schulfreunde sehr nachdenklich gemacht. Dann kam die Zeit der Volkszählung. Wir zogen von Haus zu Haus und sammelten Unterschriften gegen diese staatliche Anordnung, bei der die Bürger zur Auskunft gezwungen werden sollten. Die Volkszählungsbögen wurden selbstverständlich mit passivem Widerstand bestmöglich boykottiert, gefälscht, verweigert. Die Auswertung war durch die breite Verweigerung der Bevölkerung unbrauchbar. Man hat den Versuch nie mehr wiederholt.
Wie lächerlich gegenüber heute, wo wir alle strahlend ganz normal finden, wenn immer umfassendere Aufzeichnungen über jeden einzelnen existieren. Noch heute abend hörte ich zum Thema: “Na, dann sollen sie mal in ihren Daten ersticken, viel Spaß…” Woher kommt nur dieses unsägliche Vertrauen? Diese frisch fromm fröhliche Sorglosigkeit?
Das Telemediengesetz ist am 1. Januar 2008 in Kraft getreten. Seitdem werden alle unsere Kommunikationsbewegungen, ob am Telefon, per SMS, per E-Mail und unsere aufgerufenen Seiten im Internet sechs Monate (!) gespeichert. Wenn Ermittlungsbehörden Interesse daran haben, wer mit wem wie lange kommuniziert hat – oder Interesse an bestimmten Internetseiten hatte: bitte schön! Und die bundesweite lebenslange Identitiäts-Steuernummer wird nun kleckerweise nach und nach vergeben (macht nicht so viel Unruhe…. und durch die Steueraffäre sieht ja wohl nun jeder anständige Deutsche ein, dass das richtig und unumgänglich ist!) Haben Sie Ihre schon? Kommt sicher im Verlauf des Jahres. Dann können zehntausend Sachbearbeiter in ganz Deutschland nachgucken, was alles über Sie bei Behörden, Banken und dem Finanzamt über Sie gespeichert ist. Wenn es jemand interessiert: bitte schön!
Studivz, das Internet-Portal, in dem wohl fast jeder Jugendliche ist, gibt freimütig an, dass seit Januar 2008 die Polizei pro Woche mit etwa zehn Anfragen kommt, um Klaradressen und -namen von Nutzern zu erfahren, die zum Beispiel auf einem Foto mit einer Joint-ähnlichen Zigarette zu erkennen sind. Und das erst zwei Monate nach Einführung des Telemediengesetzes! Wie viele Anfragen werden es im Oktober sein, wie viele im nächsten Jahr?! (Zum Artikel)
Kein Problem mit dem gläsernen Menschen? Nichts zu befürchten? Weil wir doch alle nichts zu verbergen haben? Weil wir in einem Land leben, in dem jeder seine Meinung äußern kann und frei leben, arbeiten und sich entfalten? Weil das schon sooo lange so ist, dass es überhaupt keinen Grund mehr gibt, sich über einen Missbrauch vertraulicher Informationen Gedanken zu machen?
2008
Der gläserne Mensch, glasklar durchschaut,
ein Topmodel der Werbemedienwelt.
Der freilebende Mensch, ohne Verbergen,
der deutlich sein Alles ins Internet stellt.
Wir kennen seine Bücher, seine Musik, seine Lieben,
seine Adresse, seine Fotos, seine Meinung, sein Geld.
Seine Freunde, seine Gegner, seine Arbeit, die Möbel,
sein Auto, seine Sorgen, und was ihm so gefällt.
Der gläserne Mensch hat nichts zu befürchten,
weil er doch nichts will, was ein andrer nicht will.
Wie kommt’s nur, dass wir, wie gebannte Kanickel,
nichts wollen, nichts fürchten, nichts…
Pssst- sei STILL
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Von: Eva Ihnenfeldt
Datum: 28. Februar 2008
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